Impuls

 
















































































































































































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Impuls


Corona-Phase 2: Herausforderungen erkennen

Wir sind in einer zweiten Phase der Corona Pandemie angekommen. Vorsichtige Öffnung, erste Schritte zu-rück ins „normale“ Leben lautet die Devise. Immer mit einem gespannten Blick auf die Infektionszahlen: Wie behalten wir die Lage im Griff? Aber Phase zwei zeigt schon jetzt: Das Zusammenleben in unserer Gesellschaft wird schwieriger. Die Meinungen gehen weit auseinander.


In der ersten Phase der Corona Pandemie war an vielen Stellen spontane Hilfsbereitschaft und kreative Unterstützung zu beobachten. Wir haben zusammengehalten, Menschen unterstützt, die zu Risikogruppen gehören, und die politischen Entscheidungen zur Stützung des Gesundheitssystems mitgetragen. Solidarität lautete das Stichwort der ersten Phase.


Jetzt in der zweiten Phase schlägt das Pendel um. Nicht mehr gemeinsames Durchhalten, sondern Polarisierung bestimmt unser gesellschaftliches Verhalten. In vielerlei Hinsicht: Es gibt finanzielle Verlierer, und solche, die (bisher noch) relativ ungeschoren davonkommen. Es gibt Familien, die schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle erleben, und andere, an denen das Virus folgenlos vorüber geht. Es gibt Menschen, die einem be-sonderen Risiko ausgesetzt sind, und andere, für die das Risiko (statistisch betrachtet) gering ist. Es gibt Vorsichtige, und solche, denen es mit der Rückkehr ins „normale“ Leben nicht schnell genug gehen kann. Es gibt Menschen, die von Verschwörungstheorien faszi-niert sind, und solche, die darüber nur den Kopf schütteln. Es gibt Menschen, die sich zum Widerstand gegen politische Entscheidungen formieren, und es gibt diejenigen, die den bisherigen Verlauf der Pandemie in Deutschland als Folge guter politischer Entscheidungen werten. Diese Entwicklungen verstärken die Tendenz der politischen Polarisierung in unserem Land. Jeder wählt aus und entscheidet, welchen Medien und welchen Experten er mehr Glauben schenkt. Experten scheint es heute ja mehr als genug zu geben. Und wir beobachten: Eine Polarisierung der Meinungsbildung zeigt sich auch in unseren eigenen Reihen.


Dabei wird eines klar: Wir brauchen das gemeinsame Gespräch! Sicher auch über politische Einschätzungen und gesellschaftliche Herausforderungen, aber unbedingt auch über unser persönliches Ergehen. Die politischen Entscheidungen der Corona Pandemie haben unsere alltäglichen Routinen unterbrochen und beeinträchtigt, unseren Arbeitsrhythmus, unsere Bewegungsroutinen, das Zusammenleben in den Familien, unser Konsumverhalten, die Art und Weise, wie wir unseren Glauben leben, unsere Beziehungen zu anderen Menschen pflegen. Diese Art der Unterbrechung und Störung veranlasst uns zunächst, in einer Art „Autopilot“ Tag für Tag zu funktionieren und nach pragmatischen Lösungen suchen. Erst im Lauf der Zeit, wenn sich eine gewisse neue Routine im Notfallmodus einstellt, finden wir die Zeit und Muße zu fragen, was genau jetzt mit uns geschieht. Wie lange wird das gehen? Was kommt da noch alles auf uns zu? Aber die Langzeitfolgen kann niemand wirklich abschätzen. Hier kommt die Angst ins Spiel: die Angst vor der Krankheit, die Sorge um einen drohenden Existenzverlust, die Angst, die Kontrolle über das eigene Leben ganz zu verlieren. 


Zum gemeinsamen Gespräch gehört deshalb in dieser Zeit vorrangig, dass wir einander zuhören und erzählen, wo wir uns befinden auf dem Weg durch die Krise; welche Phase uns gerade beschäftigt. Wie erlebst du die „Corona-Zeit“ und ihre Folgen? Wie stark empfindest du die Unterbrechung deiner täglichen Routinen? Was macht dich unsicher? Was verwirrt? Was macht dir Angst oder Sorge? 


Diese Frage „Wie erlebst du die Corona-Zeit?“ habe ich mir persönlich gestellt. Was macht Corona mit mir? Ich nenne hier kurz drei geistliche Aspekte, die mich dabei beschäftigen.


1. Vergewisserung suchen in der Gegenwart Gottes 

Corona verunsichert. Corona offenbart, dass wir unser Leben nicht in der Hand haben, dass wir nicht so pla-nen und gestalten können, wie wir gemeinhin dachten. 

In dieser Verunsicherung tut es gut, bewusst Gottes Gegenwart aufzusuchen und dort zu verweilen; Gottes Blick wahrzunehmen und seinen Zuspruch zu hören: Du bist mein geliebter Sohn! Du bist meine geliebte Tochter! Wenn selbst Jesus in seinem irdischen Leben in Schlüsselsituationen nicht ohne diesen Zuspruch ausgekommen ist (Luk 3,22), wie viel mehr haben wir es nötig, diese Vergewisserung immer neu zu hören. 

„Wie der Bräutigam sich freut über die Braut, so freut sich dein Gott über dich.“ (Jes 62,5) – Gott verändert sich nicht in seiner Liebe zu uns. Das müssen wir in Zeiten der Verunsicherung für uns persönlich immer neu erfahren. „Du bist da, Gott. – Und ich bin auch da; bei dir, in deiner Gegenwart.“ 


2. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Ps 90,12)

Corona erinnert uns daran, dass unser Leben endlich ist, dass wir einmal sterben müssen. Und dass dieses Ereignis ganz plötzlich eintreten kann. Für den Psalmbeter ist diese Erinnerung an den unvermeidlichen, eigenen Tod kein Grund zur Angst, sondern ein Anlass weise zu werden; ein Anlass dazu, das Leben noch einmal bewusster und weiser zu (er)leben. Christen sehen dem Tod nicht abgeklärt und überlegen entgegen. Einer unserer Freunde in der Südsee hat noch kurz vor seinem Tod ein Gebet formuliert und in facebook gepostet: „Ich will nicht sterben. Ich will jetzt noch nicht gehen.“ Und gleichzeitig betet er, dass wir bei allen Gebeten um Heilung und Schutz doch das im Blick behalten, dass nicht ein Virus über unser Leben entscheidet, sondern Gott. Dieses Gebet ist gewissermaßen sein Vermächtnis an seine Familie und seine Freunde geworden. 


Unser Lebensstil erweckt ja zuweilen den Eindruck, Lebensqualität hinge davon ab, dass wir unser Leben so lange wie möglich verlängern. Wir wollen den Tod um alles in der Welt hinausschieben. Hat Lebensqualität aber nicht noch mehr mit der Frage zu tun: Wie (er-)lebe ich meine Tage heute? Was nützt es mir, wenn ich mir für eine ungewisse Zukunft interessante Herausforderungen und Ziele vornehme, aber heute im Hamsterrad meines Lebens gefangen bin? Um es mit dem jüdischen Rabbiner Hillel zu sagen: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Lehre mich bedenken, dass ich sterben muss, damit ich mein Leben heute bewusster gestalte. 


Aber als Christen geht uns auch hier noch einmal um mehr. Gott will uns nicht nur befreien, ganz im Hier und Heute zu leben. Er eröffnet uns durch die Auferstehung Jesu die Perspektive auf eine neue Schöpfung; eine neue Schöpfung, in der wir uns mit unserer unverwechselbaren Identität wiederfinden werden und unser Leben vollendet werden wird. Sterben ist nicht nur das Ende, sondern auch die Vollendung unseres Lebens.


Das Stundengebet der Mönche zum Tagesabschluss beginnt mit der Bitte: „Eine ruhige Nacht und ein gutes Ende gewähre uns, Herr.“ Eine solche tägliche Erinnerung an das Sterben weckt keine Angst. Sie weist uns vielmehr darauf hin, dass unsere Lebenszeit von Gott verliehene Lebenszeit ist und wir von ihm einen behüteten Verlauf und ein gutes Ende, eine gute Vollendung unseres Lebens erbitten dürfen.


Das Stundengebet der Mönche zum Tagesabschluss beginnt mit der Bitte: „Eine ruhige Nacht und ein gutes Ende gewähre uns, Herr.“ Eine solche tägliche Erinnerung an das Sterben weckt keine Angst. Sie weist uns vielmehr darauf hin, dass unsere Lebenszeit von Gott verliehene Lebenszeit ist und wir von ihm einen behüteten Verlauf und ein gutes Ende unseres Lebens erbitten dürfen.


3. „Lass mich weder arm noch reich sein! Gib mir nur, was ich zum Leben brauche.“ (Spr 30,8)

„Der ‚Tanz auf dem Vulkan‘ ist vorüber, denn [der Vulkan] ist ausgebrochen. Und eins ist auch klar: ‚Höher, schneller, weiter‘ wird sich ganz stark verwandeln müssen. Vielleicht in: ‚Genug ist genug.‘“  Steve Volke legt in seinem Blog den Finger in die Wunde.  Das Grundmuster des kapitalistischen Systems und unseres Konsums ist toxisch. Es schadet der Umwelt ebenso wie uns selbst. „Simplify your Life.“ Vereinfache dein Leben. Entrümple deinen Kleiderschrank und deinen Keller. „Weniger ist mehr.“ „Wer zu viel hat, kommt zu kurz.“ Sprüche haben wir jede Menge auf Lager, die uns anzeigen: Wir brauchen Entschleunigung. Wir brauchen Resonanzerfahrungen; Erfahrungen, die in uns etwas zum Schwingen bringen; Erfahrungen, an die wir uns lange gern erinnern, von denen wir zehren; Erfahrungen, die in uns nachschwingen, wie die Saite eines Instruments über einem Resonanzkörper oder wie ein Glockenton. Solche Erfahrungen machen wir nicht dadurch, dass wir Dinge anhäufen. Solche Erfahrungen entstehen bei gemeinsamen Begegnungen, vielleicht bei einer Radtour, oder beim Betrachten eines „Supermonds“, wie vor wenigen Wochen. Die Frage lautet also nicht „Was kann ich mir leisten?“, sondern „Wie kann ich zufrieden sein?“ Genau das ist Agurs Bitte: „Lass mich weder arm noch reich sein! Gib mir nur, was ich zum Leben brauche.“ 


Es gibt wohl kein besseres Biotop für das Wachsen von Zufriedenheit als die Gewissheit, dass meine Anliegen und Sorgen bei Gott bestens aufgehoben sind, dem Gott, der weiß, was ich zum Leben brauche. 


Nach der ersten Welle der Solidarität erinnert Phase zwei von Corona uns an (altbekannte) Herausforderungen, die nicht über Nacht zu bewältigen sind, an denen wir jedoch wachsen und reifen können.

Jürgen Schuster 

© Liebenzeller Gemeinschaft / EC